Solidarität mit den Studierendenprotesten in Istanbul und darüber hinaus

Gepostet am 10. Februar 2021 um 16:03 Uhr

Auf Initiative von AfA wurde diese Resolution am 10. Februar 2021 im Studierendenrat der Uni Bremen beschlossen.
(english version below)


Anfang Januar ernannte die türkische Regierung Melih Bulu – ein treuer Parteigänger des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan – zum Rektor der Bogaziçi-Universität. Und das, obwohl die Wahl eines Rektors in der Türkei eigentlich intern stattfindet. Eine Zäsur im Hinblick auf Selbstbestimmung der Hochschulen, die Erinnerungen an die 80er-Jahre hervorruft: Einer Phase des Nationalismus und Autoritarismus, geprägt durch einen Militärputsch und Verhaftungswellen gegen Oppositionelle. 

Die Ernennung ist nicht nur ein Schlag gegen eine der türkischen Regierung unliebsame liberale Uni, sondern stellt einen fundamentalen Eingriff in die wissenschaftliche Autonomie der Hochschulen und die Rechte der Studierenden in der Türkei dar!

Seit Anfang Januar protestieren Studierende und andere Angehörige der Uni nun gegen den neuen Rektor. Sie sehen nicht nur in der Art und Weise der Ernennung, sondern auch konkret in Bulu selbst und seiner parteipolitischen Vergangenheit eine Gefahr für die Zukunft der Universitäten. 

Erste Zusammenstöße mit der Polizei und gewaltsame Festnahmen fanden bereits in der frühen Phase der Proteste statt. Die Situation verschärfte sich durch eine Ausstellung von Studierenden, die eine Regenbogenflagge neben der Kaaba abbildeten. Erneut wurden Studierende festgenommen. Zudem wird eine der bekanntesten Sozialwissenschaftlerinnen und ehemalige Professorin an der Bogaziçi-Universität Ayse Bugra – deren Ehemann bereits in Haft sitzt, als Anstifterin beschuldigt. Ihr Ehemann sitzt bereits in Haft, aufgrund angeblicher Spionage und Beteiligung am Putsch 2016. Protestierende, die für die Absetzung Bulus und Freilassung Inhaftierter auf die Straßen gehen, wird nun “Terrorismus” vorgeworfen. Mit der Festnahme von über 150 Protestierenden haben die Repressionen des türkischen Staates jetzt eine neue Eskalationsstufe erreicht: Mit Gewalt versucht das Regime, den Widerstand gegen den Rektor von Erdogans Gnaden zu brechen und konsequent am nationalistisch-konservativen Kurs festzuhalten!

Die verfasste Studierendenschaft der Uni Bremen solidarisiert sich mit den protestierenden Studierenden und Dozent*innen und ihrem Kampf für eine freie und demokratisch organisierte Universität und ein Studium, das allen Menschen einen sicheren Raum zur freien Entfaltung bietet.

Die Ereignisse in der Türkei dürfen jedoch nicht isoliert betrachtet werden, sondern reihen sich ein in weltweite Trends. Überall gerät die Autonomie der Hochschulen unter Druck, dabei garantiert sie die Freiheit der Wissenschaft! Forschung und Lehre sollten weder den Interessen der Wirtschaft noch der des Staates oder einer Religion unterworfen werden. Wissenschaftliche Arbeit muss selbstbestimmt sein, Zustände kritisieren und gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichen.

Unsere Kommiliton*innen in der Türkei fordern den Rücktritt von Melih Bulu, demokratische Wahlen, die Freilassung der Gefangenen und ein Ende der Polizeigewalt. Die verfasste Studierendenschaft der Uni Bremen schließt sich diesen Forderungen an! Unsere Solidarität gilt den Protesten für die Freiheit und Autonomie der Wissenschaft und Lehre in der Türkei.

Wir erwarten von der Universität ebenfalls ein entschiedenes Eintreten für diese Forderungen – gerade im Hinblick auf unsere Partneruniversitäten in der Türkei! Die Möglichkeiten verfolgten Akademiker*innen Schutz zu gewähren (bspw. durch Stipendienprogramme) müssen ausgeschöpft und bei Bedarf ausgebaut werden.


Solidarity with the student protests in Istanbul and beyond

In early January, the Turkish government appointed Melih Bulu – a loyal partisan of President Recep Tayyip Erdo?an – as rector of Bo?aziçi University. And this despite the fact that the election of a rector in Turkey actually takes place internally. A caesura in terms of self-determination of the universities, which evokes memories of the 1980s: a phase of nationalism and authoritarianism, marked by a military coup and waves of arrests against opposition members. 

The appointment is not only a blow against a liberal university disliked by the Turkish government, but represents a fundamental encroachment on the academic autonomy of universities and the rights of students in Turkey! 

Since the beginning of January, students and other members of the university have been protesting against the new rector. They see a danger for the future of the universities not only in the manner of the appointment, but also specifically in Bulu himself and his party-political past. 

First clashes with the police and violent arrests took place already in the early phase of the protests. The situation was exacerbated by an exhibition of students depicting a rainbow flag next to the Kaaba. Again, students were arrested. In addition, one of the most well-known social scientists and former professor at Bo?aziçi University Ay?e Bu?ra – whose husband is already in prison – is accused of being an instigator. Her husband is already in prison for alleged espionage and involvement in the 2016 coup, and protesters who took to the streets to demand Bulu’s removal and the release of detainees are now being accused of „terrorism“. With the arrest of over 150 protesters, the Turkish state’s repression has now reached a new level of escalation: the regime is using violence to try to break the resistance against the rector by Erdogan’s grace and consistently stick to its nationalist-conservative course!

The student body of the University of Bremen stands in solidarity with the protesting students and lecturers and their struggle for a free and democratically organised university and a course of study that offers all people a safe space for free development.

However, the events in Turkey should not be seen in isolation, but as part of a worldwide trend. Everywhere, the autonomy of universities is coming under pressure, although it guarantees the freedom of science! Research and teaching should not be subordinated to the interests of the economy, the state or a religion. Scientific work must be self-determined, criticise conditions and make social progress possible.

Our fellow students in Turkey demand the resignation of Melih Bulu, democratic elections, the release of prisoners and an end to police violence. The student body of the University of Bremen supports these demands! Our solidarity goes to the protests for freedom and autonomy of science and teaching in Turkey.

We also expect the university to stand up resolutely for these demands – especially with regard to our partner universities in Turkey! The possibilities to grant protection to persecuted academics (e.g. through scholarship programmes) must be exhausted and expanded if necessary.